Wieso...
Was habe ich falsch gemacht?

Enttäuschungen gehören zum Leben

Enttäuschungen gehören zum Leben

Wann waren Sie zum letzten Mal so richtig enttäuscht? Was hat dazu geführt? Und war es vielleicht sogar eine positive Enttäuschung?

Ich kann mir vorstellen, dass Sie angesichts des letzten Satzes gestutzt haben. Wie soll denn eine Enttäuschung positiv sein? Der Begriff ist doch ganz und gar negativ besetzt. Ganz einfach: Nehmen Sie das Wort für einmal wörtlich. Darin steckt der Begriff der «Täuschung». Manchmal werden wir nur deshalb enttäuscht, weil wir zuvor einer Täuschung erlegen sind. Und nun fällt diese Täuschung in sich zusammen, uns wird die Wahrheit bewusst, wir werden also «ent-täuscht». Das mag weh tun, ist aber verbunden mit einem Erkenntnisgewinn, der uns auch weiterbringen kann. Die Täuschung verschwindet.

Das bedeutet aber auch: Enttäuschungen sind unumgänglich, sie gehören zum Leben. Und jeder von uns ist mal der Enttäuschte und mal der «Enttäuscher». Unser Umfeld hat manchmal Erwartungen an uns, denen wir nicht gerecht werden können. Je mehr Einfühlungsvermögen ein Mensch hat, desto stärker macht es ihm zu schaffen, wenn er andere Menschen enttäuscht. Aber es ist unmöglich, ein Leben zu führen, in dem man den Ansprüchen aller anderen stets gerecht wird. Wer versucht, andere nie zu enttäuschen, müsste sich selbst als eigenständige Persönlichkeit gewissermassen aufgeben und ein Leben führen, das den Erwartungen aller anderen gerecht wird. Was wäre das für eine Existenz?

Es ist begreiflich, dass wir Menschen, die uns wichtig sind, nicht enttäuschen wollen. Doch wir müssen uns vor Augen führen: Wir können nicht die Verantwortung für andere übernehmen. Sobald wir in eine Beziehung treten mit unserem Gegenüber, sagen wir auch Ja zu Enttäuschungen, und zwar gegenseitig. Denn jeder hat seinen Lebensplan. Sich selbst zu sein und zu bleiben, ist gar nicht so einfach – aber wichtig und richtig.