Eltern begleiten
Kinder werden zu Freunden

Kinder: Wie viel Nähe ist zu nah?

Wer Kinder hat, fühlt sich für diese verantwortlich. Zu Recht. Denn am Beginn des Lebens sind Kinder hilflose Wesen, die auf uns angewiesen sind. Nur: Es ist unsere Aufgabe, genau das zu verändern, unsere Kinder also zu eigenständigen, lebensfähigen Persönlichkeiten zu formen, die für sich selbst Verantwortung übernehmen. Das ist ein Balanceakt: Bis zu welchem Punkt sind Eltern zuständig für alles, und wo beginnt die Eigenverantwortung der Kinder?

Was wir heute oft beobachten: Eltern fühlen sich so sehr unter Druck, alles «richtig» zu machen und ihren Kindern möglichst viel zu bieten, dass sie unbewusst ihre Rolle wechseln. Sie werden von Erziehern zu Animateuren, sie sehen ihre Aufgabe nicht mehr darin, ihre Tochter oder ihren Sohn auf das Leben vorzubereiten als Vater oder Mutter, sondern darin, stets für Unterhaltung zu sorgen – als Freund und Kumpel.

Jedes Kind braucht in seinem Leben gute Freunde. Und es wird diese auch finden. Aber Vater und Mutter sind ohnehin einzigartig und nicht austauschbar, sie müssen keine zusätzliche Rolle im Leben der Kinder wahrnehmen, sondern derjenigen gerecht werden, die ihnen die Natur geschenkt hat – als Eltern. Wer versucht, seine Kinder als ewiger Beschützer vor jeder negativen Erfahrung zu behüten, tut ihnen keinen Gefallen. Es ist durchaus möglich und auch wünschenswert, die eigenen Kinder als «Freunde» neu zu entdecken, aber erst im Erwachsenenalter. Dann begegnen Vater und Mutter ihren Kindern plötzlich auf Augenhöhe, das Verhältnis verändert sich. Aber damit das möglich ist, müssen Eltern ihren Kindern zugestehen, die eigenen Erfahrungen zu machen, Erfolge und Misserfolge zu erleben, sich selbst zu behaupten. Kinder müssen lernen, Konflikte selbst auszutragen. So werden sie zu starken Persönlichkeiten. Dass Eltern versuchen, für ihre Kinder alle Stolpersteine aus dem Weg zu schaffen, ist verständlich - aber nicht zielführend.

Ich bin überzeugt: Wer sich wünscht, ein Leben lang eine gute, starke Beziehung zu seinen Kindern zu haben, der tut gut daran, diesen so viel Freiheit wie möglich zu schenken. Zum Wohl der Kinder – und der Eltern. Denn wenn die Kinder erwachsen sind und ihren eigenen Weg gehen, dann beginnt auch das Leben von Vater und Mutter neu. Aber das ist eine andere Geschichte...