Mehr Freiraum!
Ich brauche Luft zum atmen

Die eigenen Grenzen schützen

Ich erinnere mich gut an eine Klientin, die mir bei einer Sitzung bildhaft ihr Problem geschildert hat. Die Mutter von zwei Kindern fühlte sich in der Familie und beruflich zu stark in Anspruch genommen. Jeder wollte sie für sich «pachten». Ihre Gefühle zeigte sie mir mit einer Handbewegung: Sie breitete beide Arme aus und erklärte mir, dass sie sich manchmal einfach wenigstens eine Armlänge Freiraum um sich herum wünsche, um frei atmen zu können.

Was bildhaft gemeint war, ist im Grunde wortwörtlich zu verstehen. Diese Armlänge deutete die Grenze an, welche die Frau um sich ziehen wollte. Nicht, um sich abzuschirmen, sondern um sich selbst zu schützen. Abgrenzung ist keineswegs etwas Negatives, sondern eine Notwendigkeit. Wir müssen uns abgrenzen, um den eigenen Raum zu bewahren. Wer jeden und alles ohne Grenzen direkt an sich heranlässt, verliert sich selbst und respektiert die eigenen Bedürfnisse nicht mehr. Grenzen sind ein wichtiges Mittel, um dem Umfeld die eigenen Regeln klar zu zeigen. Wer diese Grenzen nicht zieht, wird früher oder später «erdrückt», braucht einen Befreiungsschlag, und das Resultat sind Verletzungen auf beiden Seiten.

Wir glauben oft fälschlicherweise, dass wir uns nur gegenüber unangenehmen Pflichten oder Menschen, die uns nicht besonders nahe stehen, abgrenzen müssen. Das Gegenteil ist der Fall. Gerade in guten Beziehungen und Freundschaften ist es wichtig, Grenzen klar zu ziehen und zu kommunizieren. Wer das nicht tut, delegiert die Verantwortung gewissermassen: Das Gegenüber soll nun selbst merken, wie nahe es uns kommen darf. Aber es ist unfair, vom Anderen zu erwarten, dass er oder sie permanent den «Radar» aktiviert hat und spürt, wo die Grenze liegt. Wenn wir das offen aussprechen, sind die Spielregeln klar, und das macht es für alle Beteiligten einfacher. Jeder von uns ist für seine eigenen Grenzen selbst verantwortlich. Der erste Schritt besteht darin, sich bewusst zu werden, wo sie liegen – und das offen zu sagen. Das sollte sich jeder von uns selbst wert sein.